Mutmach-Lyrik über Demenz und die Suche nach Würde

INTERVIEW. In ihrem Buch „Bedingungslos“ verwandelt Autorin Brigitte Tuchborn die letzten Jahre mit ihrer demenziell erkrankten Mutter in poetische Miniaturen voller Zärtlichkeit, Schmerz und Erkenntnis. Im Gespräch erzählt sie, wie Schreiben für sie zum Anker wurde – ein Weg, Trauer zu verwandeln, Nähe neu zu entdecken und das Schweigen der Krankheit in Sprache zu übersetzen.

Jannechie: Regelmäßig „musstest“ du aus der Gedichtsammlung vorlesen, an der du die letzten Jahre im Schreibcafee gearbeitet hat. Wir anderen aus der Gruppe hingen dabei begeistert an deinen Lippen. Die Rede ist von „Bedingungslos“, einer gut strukturierten Sammlung von Miniaturen. Sie fassen die letzten Jahre deiner demenziell erkrankten Mutter in Worte. Warum hast du dieses Buch geschrieben, wie kam es dazu?

Brigitte: Als ich bemerkte, eher spürte, dass sich meine Mutter demenziell verändert, war ich überfordert. Mein Leben war anstrengend, schön doch anstrengend, in dem ich kaum für eine gesunde Mutter auf Distanz Zeit hatte. Und dann wurde sie krank. Ich wusste nicht wo ich mich lassen konnte, mit meinen Fragen, Sorgen und Ängsten. Durfte ich wütend sein auf diese Frau, die es mir und uns beiden schwer gemacht hatte, und mit der ich plötzlich nicht mehr auf Augenhöhe war? Brachte ich mich genug ein, wobei ich ihren Erwartungen eh nie gerecht wurde? Wohin mit mir, wenn ich nachts wach lag, da ich sie telefonisch nicht erreicht hatte, und die Schreckensszenarien durch mein Bett spazierten?
Schreiben half, assoziatives Schreiben, hemmungslos und unzensiert.
Irgendwann fing ich an zu verdichten, für mich die Essenz zu finden, die passenden Worte, entdeckte einen roten Faden, und vor allem einen Sinn. Und konnte mich darüber anderen mitteilen.

Jannechie: Ich kann mir vorstellen, dass der Entstehungsprozess sehr schmerzhaft für dich war, schließlich handelt es sich um eine fortschreitende Krankheit, an der deine Mutter letztlich gestorben ist. Was hat dich motiviert, weiter dran zu bleiben? Und was hat es dir persönlich gebracht? Würdest du diesen Schreibprozess auch anderen empfehlen, die sich in ähnlichen Lebenslagen befinden?

Brigitte: Ohne das Schreiben hätte es mich zerrissen. Wenn ich meine Mutter besuchte, hielt ich auf dem Rückweg an, oft beim Kloster Maria Leach, wo ich am Brunnen in der Gärtnerei saß, und schrieb. Das war unglaublich erleichternd und befreiend. Die Probleme waren nicht weg, meine Verzweiflung fand Worte, die einiges klärten. Prioritäten wurden Klar, Blickwechsel waren auf dem Papier möglich.

Für mich ist Schreiben das Mittel der Wahl, und das ist sicher einen Versuch wert.
Wichtig ist, glaube ich, etwas zu finden, was einen innehalten lässt. Das kann Schreiben sein, Bewegung, Austausch mit anderen – da gibt es kein Rezept, das findet jeder für sich.

Jannechie: Für wen hast du das Buch verfasst? 

Brigitte: Die Idee mit dem Buch kam viel später. Erst war es eine Unmenge an Material, ein Sammelsurium an Erinnerungen. Das Schreibcafee war ein guter Ort, zu sichten und zu verdichten. Ich fand Zuhörerinnen, die das freundliche Feedback verinnerlicht haben, und die mich ermutigten, weiter zu schreiben. Und dann war es deiner Hartnäckigkeit zu verdanken, mich damit zu zeigen, dass ich den nächsten Schritt wagte.

Jannechie: Wer sollte dein Buch lesen und warum? Aufgrund deines Wissens zur Poesie- und Bibliotherapie und deiner Erfahrungen aus der Pflege: Wem kann ich das Buch guten Gewissens schenken und wer sollte besser die Finger davon lassen? Warum?

Brigitte: Viele Menschen kommen auf die ein oder andere Art mit Demenz in Kontakt. Manche lassen sich von meinen Worten berühren, und finden Trost darin, und das finde ich besonders schön, dass sie mit ihren zum Teil unaussprechlichen Erfahrungen nicht alleine sind. 
Und andere finden womöglich keinen Zugang, und legen es eh dann gleich wieder aus der Hand. 

Jannechie: Wie ist die Sammlung entstanden? Magst du den Entstehungsprozess beschreiben?

Brigitte: Beim Ordnen des Materials, konnte ich verschiedene Zeiten ausmachen, aus denen dann die Kapitel entstanden. Das tat gut und war ein wichtiger Schritt. 
Leben mit Demenz ist eine geballte Ladung an Gefühlen. Kein Kontakt ist planbar, und es ist schwer, sich darauf einzulassen, und statt zu verzweifeln Gelassenheit zu üben.

Jannechie: Im Schreibcafee konnten wir nicht genug kriegen von deinen Gedichten. Magst du hier was daraus zitieren?

Brigitte: Sehr gerne! Ein wichtiges Ritual bei meinen Besuchen war, dass ich meiner Mutter die Hände badete, eincremte, die Nägel schnitt und lackierte. Vor der Demenz beschränkte sich unser Körperkontakt auf Begrüßungs- und Abschiedsfloskeln. Wir hatten eine angespannte Beziehung, da brauchte ich für mich Distanz im Kontakt. Über das Ritual kamen wir uns näher, und genossen es beide.

BERÜHRUNGEN

Ich creme und massiere deine Hände,

und du lässt es geschehen

So habe ich deine Hände noch nie gesehen.

So habe ich deine Hände noch nie berührt.

Meine Finger entdecken Neuland.

Spüren behutsam alten Schwielen nach.

Glätten für den Moment Falten.

Umkreisen vorsichtig verdickte Gelenke.

hören zu vom Halten und Aushalten,

hören mit vom Zupacken und dem Griff ins Leere.

Und finden Antwort.

(Brigitte Tuchborn)

Jannechie: Danke fürs Teilen! In dem Gedicht lieferst du zusätzlich Ideen für mehr gemeinsame Quality Time. Gut, dass du diese Perlen endlich veröffentlicht hast. Warum im Selfpublishing?

Brigitte: Ganz einfach, kein Verlag war interessiert. Ich bekam nette Absagen, Lyrik ließe sich nicht verkaufen. Zu Weihnachten bekam ich einen Gedichtband geschenkt, 365 Gedichte. Für jeden Tag ein altes, irgendwie und -wo bekanntes, damit ist anscheinend Kasse zu machen. Fast nur alte Männer zu überholten Themen. Da frag ich mich, wenn die Verlage sich nicht trauen, und neue Impulse setzen, geht die alte Leier weiter. Dabei gibt es so viel zu entdecken! Ich wünschte mir einen Gedichtband mit einem Gedicht für jeden Tag, mit Rupi Kaur, Kae Tempest, Karoline Marliani und wie sie alle heißen, Gegenwartslyrik vom Feinsten!
… das war jetzt gar nicht deine Frage, oder?

Jannechie: Doch, wie ich dich verstehe, war und ist das Selfpublishing für dich ein Weg, den immer noch patriarchal geprägten Buchmarkt zu umgehen. Wenn Virginia Woolf und ihr Mann sich 1917 keine eigene Druckerpresse angeschafft hätten, würde der Lesewelt Essenzielles fehlen. Heute ist es so viel einfacher, eigene Texte zu veröffentlichen. Oh ja, ich teile deinen Wunsch und bleibe zuversichtlich, schließlich sind wir Frauen die lesende Mehrheit. 

Zurück zu deiner Lyrik, wo kann ich dein 75-seitiges Hardcover-Buch zu welchem Preis erwerben?

Brigitte: In jedem Buchladen und im Netz, das Bändchen hat eine ISBN-Nummer, über die es angefordert werden kann.
Die 16 Euro, die es kostet hat epubli festgelegt

Jannechie: Und wo finden wir weitere Gedichte und Texte von dir?

Brigitte: Das meiste in meiner Schreibtischschublade, haha.
2024 wurde ich Vierte beim Putlitzerpreis mit „himbeerrot“ . In dem Band „Visionen – unsere Heimat und unsere Welt neu denken“  bin ich auch vertreten.
Und Haikus in „eine Hand voll Glück“, da habe ich 2019 mit meiner Knastschreibgruppe an einem Wettbewerb zum Thema Glück teilgenommen

Jannechie: Was für ein Glück, Schreiben tut uns allen gut! Wer aber so eine schöne Schreibe hat, sollte unbedingt am Stift dranbleiben – was ist dein nächstes Projekt, ober gibt es sogar mehrere?

Brigitte: Einiges ist im Entstehen, noch nicht wirklich greifbar.
Doch vor allem tauche ich in das Leben und auch die Zeit meiner Großmütter ein. Sammle Geschichten und Erinnerungen, und bin fasziniert, was sich zeigt. Das will ich für meine Familie schreiben, doch wer weiß, was draus wird.

Jannechie: Wir bleiben gespannt! Herzlichen Dank, dass du dir für dieses Interview Zeit genommen hast. Deine Antworten informieren, trösten, inspirieren, motivieren, wie die Texte, die ich von dir kenne.

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