Schreib-Trick Reframing

Unerwartete Wendungen tun jedem Krimi gut. Auch Kurzgeschichten und Witze brauchen ein „Wende-Ende“, damit sie nachwirken. Wie man so eine Wende gut hinbekommt? Mit „Reframing“, probier’s aus! 

Die psychologische Methode des Reframings hilft auch beim kreativen und autobiografischen Schreiben, vor allem beim freien Schreiben auf Morgen- und Abendseiten. Es tut gut, sich Ärger und Verzweiflung von der Seele zu schreiben. Jedoch lauert immer die Gefahr, sich tiefer in den Frust hineinzuschreiben. Aus eigener Erfahrung weiß ich: Dagegen hilft Reframing. 

Wörtlich übersetzt bedeutet das englische Reframing neu einrahmen, einem Bild einen neuen Rahmen verpassen. Kreativ schreibend können wir jede Gegebenheit, Situation, Handlung, jede Figur und ihr Verhalten neu einrahmen oder reframen.

Im neuen Rahmen – dem anderem Blickwinkel, anderen Kontext und auch mit anderem Fokus – wirkt sie plötzlich anders, bekommt eine andere Bedeutung, einen neuen Sinn.

Folgende chinesische Legende über einen reichen Bauern zeigt das vorbildlich: Der Bauer galt als reich, da alle im Dorf ihn um sein Pferd beneideten. Als es davonlief, bemitleideten sie ihn. Der Bauer sagte: „Wer weiß?!“ Später kehrte das Pferd mit einem Wildpferd zurück. Alle staunten. Der Bauer: „Wer weiß?!“ Beim Versuch, das Wildpferd zu reiten, stürzte der Sohn des Bauern und brach sich ein Bein. Alle bedauerten ihn. Der Vater: „Wer weiß?!“ Kurz darauf kamen Offiziere ins Dorf, um Jungs zur Armee einzuziehen. Den mit dem Beinbruch wollten sie nicht. Alle beklatschten das Glück des Bauernsohnes. Sein Vater: „Wer weiß?!“ 

Reframing-Arten lassen sich nach dem gewählten Rahmen unterscheiden.

Beim Passiv-aktiv-Reframing tritt eine Figur oder Ich-Erzähler*in aus der passiven Opferrolle heraus und übernimmt Verantwortung. Beispielsweise überlegt die ihrer Sucht ausgelieferte Figur zum Zeitpunkt der Wendung, in welchen Situationen sie sich für die Droge entscheidet. Oder der überforderte Teenager schimpft plötzlich nicht mehr über die Schule, sondern sagt der Prokatination den Kampf an. 

Per Negativ-positiv-Reframing oder auch Inhalts-Reframing zeigt die Autor*in ein nerviges Verhalten oder eine bedrohliche Situation vor dem Wenden durch die schwarze, danach durch die rosarote Brille. So wird aus der kontrollierenden Mutter eine liebe Glucke, die ihr Kind beschützen möchte. Die zögerliche Figur sieht im anderen Rahmen die Chance, etwas Neues auszuprobieren. Aus „streng“ kann „besorgt“, aus „bestimmend“ kann „entscheidungsfreudig und aus „zögerlich“ kann „vorsichtig“ werden.

Über das Kontext-Reframing – durch Situations- oder Perspektivwechsel – kann die zögerliche Art der Figur ebendiese vor Gefahren bewahren. Wenn ich ein Bild oder eine Situation aus der Nähe betrachte, fallen mir andere Dinge auf als aus der Distanz. Aus einem anderen Blickwinkel, besonders im Rückblick, bekommt ein Problem einen (anderen) Sinn – wie im wahren Leben 😉 

Welches sind deine Lieblings-Wendungen in eigenen oder fremden Geschichten, Filmen, Romanen, Witzen und vielleicht auch im eigenen Leben? 

10 Fragen an Oliver Buslau

Von erfolgreichen Profis lernen, wie es geht, wie man dranbleibt und mehr. Mit dieser Idee wandte ich mich an den Autor, Journalisten, Komponisten und Musikwissenschaftler Oliver Buslau

Als Gründer und bis 2016 Herausgeber des Magazins TextArt hat er Schreibinteressierte wie mich nachhaltig fürs kreative Schreiben begeistert. Beim Blättern und Lesen der TextArt spürte man Buslaus Schreibbegeisterung, die ihm weiterhin Erfolge beschert: 15 Buchveröffentlichungen (neben vielem Anderen), davon 11 Lokalkrimis mit dem Privatdetektiven Remigius Rott. Seinen neuesten Rott „Bergisches Roulette“ werde ich wohl wieder zu schnell ausgelesen haben. Seine Antworten auf meine 10 Fragen lese ich voraussichtlich mehrmals, denn da steckt so viel drin – überzeugt euch selbst …

1. Wer oder was hat dich zum Schreiben gebracht?
Wahrscheinlich war es mein Vater. Er war in meiner Kindheit Lokalreporter bei einer Tageszeitung. Ich fand es als Kind schön, wie er an der Schreibmaschine zu sitzen (Computer gab es noch nicht) und die kleinen Sachen, die ich zum Beispiel für die Schule geschrieben habe, zu tippen. Irgendwann habe ich dann auf diese Weise auch Eigenes zu Papier gebracht. Mich reizt am Schreiben nicht nur das Ausdenken des Inhalts, sondern auch der Schreibvorgang an sich, das „Zu-Papier-Bringen“. Am liebsten mit einer Tastatur, nicht so gerne mit der Hand.

2. Wie sieht dein perfekter Schreibtag aus?
Wenn ich an einem Projekt in der Phase bin, dass ich Text schreibe, also nicht (was ich sehr ausführlich vorher mache) plane, dann schreibe ich am Vormittag ab 10 Uhr mindestens zehn Manuskriptseiten, was ich normalerweise bis zum Mittag hinkriege. Wenn nicht, dann arbeite ich so lange weiter, bis die 10 Seiten stehen. In dieser Zeit bin ich absolut unansprechbar für die Außenwelt. Der Nachmittag ist für Organisatorisches, für Nachrecherchen und weiteres Planen reserviert. Der Arbeitstag geht so bis gegen 19, 20 Uhr. Ich bin kein Nachtarbeiter und auch kein „Flowarbeiter“, der zu schreiben beginnt und irgendwann plötzlich zu sich kommt und sieht, dass der Tag rum ist.

3. Wie lange arbeitest und schreibst du im Durchschnitt an einem Buch?
Das ist schwer zu sagen. Bei den recherchetechnisch weniger ambitionierten Büchern wie zum Beispiel meinen Lokalkrimis brauche ich ungefähr von der allerersten Planung bis zur Abgabe ein halbes Jahr. Große Projekte wie mein historischer Roman „Feuer im Elysium“ haben viel mehr Zeit benötigt. Da habe ich für die Recherche und die Planung der Handlung schon mehr als ein ein Jahr gebraucht, für das eigentliche Schreiben ein weiteres. Man darf aber nicht vergessen, dass damit die Arbeit noch nicht beendet ist. Es gibt ja noch die Lektoratsdurchgänge nach der Prüfung des Manuskripts durch den Verlag. Die können auch noch mal zeitaufwändig sein. Ich schreibe ja auch Heftromane für die Jerry-Cotton-Reihe mit etwa 120 Normseiten Umfang, für die ich jeweils etwa zwei Wochen veranschlage.

4. Was hält dich am erfolgreichsten vom Schreiben ab?
Meistens das Lesen. Dann das Nachdenken über Bücher, die man schreiben könnte. Ich habe viel, viel mehr Pläne und Exposés in der Schublade als es wirklich umgesetzte Projekte gegeben hat. Manchmal nagt das ein bisschen an mir, denn ich denke, ich hätte doch die Zeit statt für die Planungen auch für das Schreiben von wirklichem Text verwenden können. Und ich bewundere Autorinnen und Autoren, die so einfach drauflosschreiben können. Ich hätte zu viel Angst, steckenzubleiben. Dann wird mir klar, dass auch die unrealisierten Pläne für mich Stationen auf dem Weg zu den wichtigen Projekten sind. Trotzdem muss man aufpassen, dass man sich nicht mit dem Planen vom Schreiben selbst ablenkt. Ich beschäftige mich auch gerne mit der handwerklichen Seite des Schreibens, lese also Bücher über dramaturgische Modelle, über Kreativitätstechniken und so weiter, die ich dann auch gerne ausprobiere. Diese Art der Weiterbildung ist sehr wichtig, kann aber auch selbst wieder zu einer Schreibvermeidungsstrategie werden – und zu einer besonders perfiden dazu. Man glaubt ja, man würde sein Schreiben voranbringen, aber dem ist nicht so. Das Maß aller Dinge ist stets der zu Papier gebrachte Text, der Output, nichts anderes. 

10 Fragen

5. Wie motivierst du dich kurzfristig und langfristig, ein Buch zu Ende zu schreiben?
Das geht nur durch klare Pensumsplanung. Ich teile das Projekt in einzelne Schritte auf und lege realistisch fest, bis wann ich was geschafft haben kann. In der Schreibphase, die recht spät auf dem Plan steht, schreibe ich die täglichen zehn Seiten, und das jeden Tag aufs Neue. Ich belohne mich nicht, wenn ich mal mehr geschrieben habe, und ich bestrafe mich nicht, wenn es dann doch mal nicht klappt und vielleicht nur bei fünf Seiten bleibt. Früher war mein Pensum übrigens geringer. Es lag ganz am Anfang bei drei Seiten, dann habe ich jahrelang mit fünf gearbeitet, nun eben zehn. Es kommt aber gar nicht auf die Menge an, sondern auf die Regelmäßigkeit. Ich schreibe in dieser Phase meinen Text so gut es geht. Das entscheidende Ziel ist durchzukommen. Überarbeitet wird später. Ich lese während der Phase auch nicht noch mal das, was an den Vortagen entstanden ist, es geht nur in eine Richtung, nämlich voran. Für die Prüfung ist in der Planung ja dann auch noch Zeit vorgesehen. In jeder Phase lege ich den Fokus auf das, worauf es gerade am meisten ankommt: Recherche, Figuren, die einzelnen Teile der Handlung, Nachrecherche, detaillierte Szenenplanung, dann das Schreiben des eigentlichen Manuskripts, Überarbeitung etc.

6. Was tust du, um eine Schreibblockade zu lösen?
Ich wende Salamitaktik an. Ich konzentriere mich auf den kleinsten Schritt, der nötig ist, und gehe ihn. Fast immer kann man dann auch den nächsten gehen. Ich analysiere, wo das Problem liegt, grenze es ein und löse es. Fehlt mir eine Information für meine Geschichte? Ich beschaffe sie. Kenne ich einen Schauplatz zu wenig? Ich gehe hin und schaue ihn mir an. Oder, wenn es nicht geht, besorge ich wenigstens Fotos, Videos und Beschreibungen und lerne ihn auf diese Weise kennen. Ist die Motivation einer Figur unklar? Ich frage mich, was ihr wichtigstes Ziel ist und was sie an der Stelle der Handlung, an der ich steckengeblieben bin, machen würde und schreibe dann, wie sie das tut. Habe ich zu wenig Zeit? Ich schreibe nur einen Satz, aber den auf jeden Fall. Weiß ich nicht, wie ich eine Szene beginnen soll? Ich fokussiere mich auf das erste, was in der Szene passieren muss, damit die Geschichte funktioniert, und schreibe es hin. Und so weiter. Wirkliche Schreibblockaden habe ich, ehrlich gesagt, noch nie erlebt. Es steckt meiner Erfahrung nach immer was anderes dahinter: Zeitmangel, Vorbereitungsmangel, Angst … Alles verständlich, aber lösbar.

7. Was empfiehlst du Menschen, die ein Buch schreiben wollen?
Sie sollten sich erst mal klar machen, was das für ein Buch werden soll. Dann sollten sie sich Bücher anschauen, die irgendeine Ähnlichkeit mit dem geplanten haben – also Bücher derselben Genres zum Beispiel. Die sollte man lesen. Wenn es nicht nur um ein Buch gehen soll, sondern man das Schreiben als Lebensweise kultivieren machte, sollte man stets viel für sich selbst schreiben – egal über was, egal wie gut. Oft wird vergessen, dass Schreiben auch eine körperliche Tätigkeit ist, an die man sich gewöhnen muss. In meiner Anfangszeit haben mir dabei die Bücher von Natalie Goldberg (zum Beispiel „Schreiben in Cafés“, der Titel ist ein wenig irreführend) geholfen, die das „Automatische Schreiben“ propagiert und einem so die Angst vor dem weißen Blatt nimmt. Dazu noch ein Ratschlag, der vielleicht seltsam klingt, aber viel bringt: mal einen Monat lang täglich vier Seiten aus Büchern, die einem gefallen, abschreiben – und zwar mit der Hand. Dabei geht es nicht ums Klauen, sondern um „schreibendes Lesen“, das einen großen psychologischen Effekt hat. Man versteht nämlich die Texte und deren Machart viel besser. Das ist übrigens eine Technik aus der Musik: Selbst die größten Komponisten haben Werke der von ihnen bewunderten Kollegen abgeschrieben, und auf diese Weise analysiert – Mozart und Beethoven haben zum Beispiel auf diese Art viel von Johann Sebastian Bach gelernt. Raymond Chandler hat die Übung variiert: Er hat ein Kapitel eines anderen Autors zusammengefasst und auf die wesentlichen Informationen reduziert. Dann hat er diese Zusammenfassung weggelegt, ein paar Tage gewartet, sie wieder rausgeholt und dann – natürlich ohne das Original anzuschauen – selbst geschrieben, als wenn er der Autor wäre. Diesen Text hat er daraufhin so gut es nur ging überarbeitet, ihn also nach seinen Möglichkeiten perfekt gemacht. Dann folgte der Vergleich mit dem ursprünglichen Text. Ich kann das nur empfehlen. Es gehen einem die Augen auf.

8. Was macht für dich ein gutes Buch aus?
Das kann ich so einfach nicht sagen. Jedenfalls ist es nicht die Befolgung irgendwelcher dramaturgischer „Regeln“. Ich erkenne es, wenn ich es lese.

9. Was magst du besonders am Beruf des Autors?
Wenn es finanziell einigermaßen funktioniert, ist es für mich der ideale Beruf. Ich arbeite sehr gerne alleine und freiberuflich, lerne aber trotzdem gerne die verschiedensten Wissensgebiete kennen, tauche gerne in verschiedene Welten ein, organisiere aber meine Pläne und deren Umsetzung gerne selbst. Und das Schreiben an sich ist mir ein so angenehmer Vorgang, dass ich es auch tun würde, wenn es nicht mein Beruf wäre. Was mich auch reizt, ist die Einstellung, dass man als Autor den Leserinnen und Lesern eine wirklich gute Show liefert. Ich stelle mir manchmal vor, mit dem Roman- oder Kapitelbeginn, den ich gerade schreibe, ginge ein Vorhang auf, und ich kann nun bestimmen, was auf der „Bühne“ passiert, ich kann die Aufmerksamkeit der Menschen, die das Buch in der Hand halten, lenken.

10. Was wünscht du dir von der Leserschaft?
Dass sie mir genau das ermöglicht, was ich in der vorigen Frage als Antwort gegeben habe. Und das tut sie zum Glück, wofür ich sehr dankbar bin.

Fußnote: Das Autoren-Foto stammt von Susanne Prothmann.