Pageturner gegen das Vergessen

REZENSION. Beim Titel „NSA“ dachte ich sofort an das Amerikanische Überwachungsprogramm. In Andreas Eschbachs Roman steht „NSA“ hingegen für „Nationales Sicherheitsamt“, dem (fiktiven) Bundesnachrichtendienst der zwanziger und dreißiger Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Die „NSA“ hortet IT-Daten und arbeitet daran, sie „sinnvoll“ auszuwerten. Eschbach lässt Fluch und Segen der IT-Technologie gut 50 Jahre früher die Geschichte mitprägen. Sein Protagonist Arthur bezeichnet einen solchen Anachronismus als „Spekulative Geschichte“ und erklärt, „dass man die Bedeutung eines bestimmten historischen Ereignisses erst dadurch richtig einschätzen kann.“ Die Weimarer Republik und die Ausbereitung der Nazis wirken dadurch hochaktuell. Geschichte ist nicht mehr nur Geschichte, sondern sie wird zu einer herannahenden Bedrohung.

Indem Eschbach das Programmieren in Nazi-Deutschland zur Frauenarbeit erklären lässt, hält er uns Lesern des 21. Jahrhunderts einen weiteren Spiegel vor, den Genderspiegel. Köstlich, wenn im Buch von „Programmstrickerinnen“ und vom „Programmieren von Strickmustern“ die Rede ist. Herrlich, wie sehr männliche Protagonisten sich schämen, wenn sie sich fürs Programmieren interessieren. 

Dieser Thriller ist mehr als bloße Unterhaltung. Er verpackt Zeitgeschichte und Gesellschaftskritik in einen kurzweiligen Page-Turner. Manche Intellektuelle mögen die Nase rümpfen. Ich finde es stark, wie Eschbach – weit entfernt vom Elfenbeinturm – gut recherchierte Geschichte an den Mann und an die Frau bringt. Deshalb erscheint sie mir als Pflichtlektüre gegen das Vergessen. Als Pflichtlektüre, die Spaß macht und die einen so schnell nicht loslässt. „NSA“ hängt mehr nach als so mancher historische Beitrag oder auch politische Talkrunden zum selben Thema.

Schreiben zwischen Traum und Albtraum

Bild von Klimkin auf Pixabay

BESTSELLERKOLUMNE. Spannend und geheimnisvoll soll mein Bestseller sein, ein echter Page-Turner, den ich erst aus der Hand lege, wenn ich ihn ausgelesen habe.

Danach warte ich auf, nein schreibe ich direkt selbst meinen nächsten Bestseller. Um das zu schaffen soll das Page-Turnen bitte schon beim Schreiben einsetzen, sonst werde ich wohl nie über die ersten dreißig Seiten hinauskommen.

Beim Lesen und beim Schreiben soll mein eigener Bestseller mich zum Denken anregen. Er soll mir einen Spiegel vorhalten und existenzielle Fragen aufwerfen, die mich im Alltag nicht loslassen. Erkenntnisse will ich daraus gewinnen, mich persönlich weiterentwickeln und natürlich auch meine Schreibfertigkeit verbessern.

Schon während des Entstehens soll der Bestseller zu meinem Lieblingsbuch avancieren. Nicht nur, weil er mich bald reich macht, sondern weil sein Inhalt mich berührt, weil die geschaffene Welt und die Figuren darin mich faszinieren, weil ich nicht genug von davon kriegen kann, das Buch immer wieder lesen muss, bis ich es in- und auswendig kenne.

Zu dumm, dass ich den Inhalt schon daher beten kann, bevor die erste Zeile auf Papier steht. Auch über die Figuren weiß ich mehr, als alle Leser zusammen jemals erfahren werden. Noch vor dem Druck kommen die tollen Erkenntnisse mir abgenutzt vor. Auch die Geheimnisse in dem Buch wirken in meinen Augen alles andere als geheimnisvoll. Schließlich wusste ich das alles schon beim Plotten.

Nun drängt der Verlag und langweilt mich mein Bestseller. Dreißig Seiten habe ich geschrieben, dreihundert sollen es werden. Die Langeweile nimmt zu, die Seitenzahl nicht. Jede einzelne Seite will ich auf Eis legen, ob mich das befreit? Den Verlag könnte ich vertrösten: Hier ein Interview, dort ein schickes Foto, ein paar Skandälchen gleich dazu. Spannend und geheimnisvoll werde ich sein, wie mein Bestseller.