Elfter September Zweitausendeins

Sende mir gerne deine persönliche Nine-Eleven-Geschichte. Wenn’s passt, veröffentliche ich sie als Gastbeitrag in diesem Blog. Alle wissen, was damals in den USA passierte. Weißt du noch, was sich am 11.09.2001 in deinem Leben ereignete? Hier meine Erinnerungen an einen Tag, der weltweit Vieles änderte:  

RÜCKBLICK. Arbeit stapelte sich auf unseren Schreibtischen. Frau Janus hatte ‚Wichtigeres‘ zu tun: Mit lauten Kommentaren ließ sie alle daran teilhaben, wie sie im Internet irgendwelche News-Seiten aufrief. Während der Arbeitszeit ist es uns nicht erlaubt im Internet zu surfen, das galt auch für Frau Janus. Miese Arbeitseinstellung, dachte ich. Aber sie konnte es sich erlauben, schließlich war sie zwanzig Jahre länger in dieser Firma angestellt und meine Vorgesetzte. „Da ist was Schlimmes passiert in den USA! Ich kann es kaum aufrufen, die Server sind überlastet …“Als ob wir dafür bezahlt würden.

„Da, ich hab was!“ Ich stellte mich neben sie, betrachtete ihren Bildschirm und heuchelte Interesse. Wie in Zeitlupe baute sich das Bild auf. Zwei Türme vor strahlend blauem Himmel. Das World-Trade-Center, das ich im Jahr zuvor während einer Reise in die USA besichtigt hatte. Einer der beiden Türme qualmte im oberen Drittel. Menschen, klein wie Ameisen, versammelten sich auf dem Dach und hüpften hinunter. Wie Insekten. Die meisten Insekten können fliegen – Ameisen normalerweise nicht, Menschen auch nicht. Unmöglich, weltweit lassen die Menschen sich von dieser Computeranimation manipulieren! Das sagte ich nicht, sondern tat betroffen. Vor allem, als ein silbrig glänzendes Flugzeug den Sommerhimmel im Bild durchquerte, sich dem zweiten Turm näherte und ihn durchbohrte. Das konnte und durfte nicht echt sein, niemals! „Wir machen Schluss für heute. Wer weiß, was gleich noch alles passiert.“

Warum sollte ich weiterarbeiten, während meine Chefin diese reißerischen Bilder als Vorwand für einen vorzeitigen Büroschluss nutzte? Auf dem Heimweg hatte ich Mühe, mich auf den Verkehr zu konzentrieren. Andauernd sah ich diese brennenden Türme vor mir, diese herabstürzenden Ameisenmenschen. Ich zitterte. Meine Finger rutschten fast vom Lenkrad. Ich wollte nur noch nach Hause, mich in Micks Arm kuscheln, mich von ihm trösten und beruhigen lassen.

Mick war nicht da. Das war noch nie vorgekommen, dass ich vor ihm von der Arbeit zurück war. An seiner Statt empfing mich das Chaos. Über den Boden verstreut lagen Schuhe, Kleidungsstücke, Kaffeetassen, Bücher, Papierberge. Niemand hatte bei uns eingebrochen, niemand hatte bei uns aufgeräumt. Ich hasse Unordnung! An diesem Tag suchte ich nur nach der Fernbedienung, setzte mich zwischen die häuslichen Müllberge und starrte auf den Fernseher. Alle Programme zeigten die brennenden Türme, nun aus den unterschiedlichsten Perspektiven. Echte Menschen rannten um ihr Leben, als ein Turm nach dem anderen wie ein Kartenhaus einstürzte. Ich konnte nicht denken, mich nicht bewegen. Mit offenem Mund und starrem Blick empfing ich meinen Schatz, als er endlich heimkam. Inzwischen war es draußen dunkel geworden. Mick holte uns aus der Küche ein Bier und setzte sich zu mir. Er tröstete mich, ich tröstete ihn. Der Fernseher störte. Ich schaltete ihn aus. Wir redeten die ganze Nacht durch über die Ereignisse, über unser Leben und unsere Welt, die nie mehr so sein würde, wie sie mal war.

Einen Monat später heirateten wir.