Die Listen meines Lebens

REZENSION. Rückblickend frage ich mich, warum Guy Brownings Roman so lange in meinem Regal warten musste, endlich von mir gelesen zu werden. Inzwischen bin ich fasziniert, wie der Britische Autor mittels Zehnerlisten ein ganzes Leben kurzweilig und humorvoll nachzeichnet. Das Buch mit den 212 Listen hatte ich als Anschauungsmaterial für meine kreative Schreibwerkstatt gekauft. Allein schon sein Klappentext würde meine Teilnehmenden zur Kreativitätstechnik des Listen-Schreibens motivieren:

1. Jeder führt sie: Listen. 
2. Dies ist ein Roman – ausschließlich erzählt in Listen.
3. Für alle, die ohne Listen nicht überleben können. 
4. Und für alle, die sich fragen, wie das eigene Leben in zehn Stichpunkten aussehen würde. 
5. In etwa so!
6. Vom Schulhof über die erste Liebe, Ehe und drei Kinder bis zum Neubeginn – ein Leben in Listen.
7. Wir erfahren von den kleinen Katastrophen genauso wie von den großen Glücksmomenten.
8. Das ist lustig, oft sehr rührend und manchmal sogar ein bisschen weise.
9. Für die Leser von «Adrian Mole» und Nick Hornby.
10. Und in jedem Fall: Ein Roman für alle Helden des Alltags. 

Als Bettlektüre zog ich privat zunächst doch die gewohnte Prosa vor. Zu Unrecht! Denn Guy Brownings „Die Listen meines Lebens“ sind keineswegs nüchtern und sachlich geschrieben, wie man es von Listen vermuten könnte. Zusammen mit ihren Überschriften strotzen sie vor Humor und Selbstironie. Als Beispiel die Listen-Überschrift „Warum ich bei Konfrontationen so schlecht bin“ und dazu so sympathische Antwortpunkte wie „Ich kann meine eigene Meinung nicht ernst genug nehmen, um sie zu verfechten.“ (Punkt 2) und „Die Welt ist voller Probleme. Meine Hähnchennuggets sind kalt. Na und?“ (Punkt 3). Mit zunehmender Faszination begleitete ich diesen kurzweiligen Ich-Erzähler vorm Einschlafen durch seine Listen: von seiner Schulzeit über Pubertät und Liebschaften zum Berufseinstieg, zu großer Liebe und Liebeskummer, von der Hochzeit über Sorgen um alternde Eltern und den eigenen Nachwuchs bis hin zu Ehekrise, Scheidung und Neubeginn. Über die Listen im ganz eigenen Guy-Browning-Stil wurde der Listen-Erzähler und Anti-Held mir schnell zum Freund. Knapp eine Woche lebte ich mit und fieberte ich mit, dann hatte ich den biografisch anmutenden Roman ausgelesen – leider viel zu schnell. 

Buchcover "Die Listen meines Lebens" von Guy Browning.

Empfehlen würde ich dieses Buch als Pflichtlektüre vor allem Kreativschreibenden mit Humor. Interessant ist seine Machart auch für Menschen, die Ideen suchen, um ihren Lebensweg kreativ nachzuzeichnen. Auch Lesefaule kommen auf ihre Kosten, denn jedes Kapitel besteht aus nur einer Liste mit zehn Unterpunkten – Punkt.

Pageturner gegen das Vergessen

REZENSION. Beim Titel „NSA“ dachte ich sofort an das Amerikanische Überwachungsprogramm. In Andreas Eschbachs Roman steht „NSA“ hingegen für „Nationales Sicherheitsamt“, dem (fiktiven) Bundesnachrichtendienst der zwanziger und dreißiger Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Die „NSA“ hortet IT-Daten und arbeitet daran, sie „sinnvoll“ auszuwerten. Eschbach lässt Fluch und Segen der IT-Technologie gut 50 Jahre früher die Geschichte mitprägen. Sein Protagonist Arthur bezeichnet einen solchen Anachronismus als „Spekulative Geschichte“ und erklärt, „dass man die Bedeutung eines bestimmten historischen Ereignisses erst dadurch richtig einschätzen kann.“ Die Weimarer Republik und die Ausbereitung der Nazis wirken dadurch hochaktuell. Geschichte ist nicht mehr nur Geschichte, sondern sie wird zu einer herannahenden Bedrohung.

Indem Eschbach das Programmieren in Nazi-Deutschland zur Frauenarbeit erklären lässt, hält er uns Lesern des 21. Jahrhunderts einen weiteren Spiegel vor, den Genderspiegel. Köstlich, wenn im Buch von „Programmstrickerinnen“ und vom „Programmieren von Strickmustern“ die Rede ist. Herrlich, wie sehr männliche Protagonisten sich schämen, wenn sie sich fürs Programmieren interessieren. 

Dieser Thriller ist mehr als bloße Unterhaltung. Er verpackt Zeitgeschichte und Gesellschaftskritik in einen kurzweiligen Page-Turner. Manche Intellektuelle mögen die Nase rümpfen. Ich finde es stark, wie Eschbach – weit entfernt vom Elfenbeinturm – gut recherchierte Geschichte an den Mann und an die Frau bringt. Deshalb erscheint sie mir als Pflichtlektüre gegen das Vergessen. Als Pflichtlektüre, die Spaß macht und die einen so schnell nicht loslässt. „NSA“ hängt mehr nach als so mancher historische Beitrag oder auch politische Talkrunden zum selben Thema.

Der Wal und das Ende der Welt

REZENSION. Richtig gute Bücher lese ich Langsam-Leserin viel zu schnell. So auch dieses 544 Seiten starke Buch, für das ich leider nur wenige Tage gebraucht habe. Tatsächlich habe ich es mir wegen des Wals auf dem Buchcover und im Titel gekauft. Dabei spielt der Wal in dem Roman nur eine – allerdings wichtige – Nebenrolle. Vom „Fest des Wales“ im abgelegenen St. Piran im Cornwall berichtet der Autor John Ironmonger schon im Prolog. Mit dem Wal, der ebendort in Küstennähe gesichtet wird und später strandet, beginnt auch die Geschichte. Ebenso mit einem an Strand gespülten bewusstlosen, nackten Mann. Zusammenhänge lassen sich erahnen. Später zeigt uns der Autor, dass alles miteinander zusammenhängt.

Der nackte Mann namens Joe Haack wird von den Dorfbewohnern gerettet und versorgt. Joe rettet mit Hilfe der gemeinsam anpackenden Dorfbewohner den gestrandeten Wal. Die Idylle im Dorf ist bedroht vom Weltgeschehen. Nur Joe weiß davon. Als Analyst hat er in London ein Computermodell entwickelt, das die Zusammenhänge komplexer Systeme wie der Wirtschaft erkennt. Ein Modellfehler hat seinem Arbeitgeber so viel Geld gekostet, dass Joe ins Meer geflohen ist. Die vom Programm prophezeiten Zusammenhänge reichen allerdings bis nach St. Piran. Joe will die Menschen im Dorf vor der Gefahr beschützen und fühlt sich dabei zunächst belächelt. Am Ende ist er der Held, der sie alle vor dem Untergang rettet. Bereits im Prolog werden seine späteren Heldentaten gefeiert. Für mich macht das die Geschichte nicht weniger spannend. Zudem bildet der Hinweis einen schönen erzählerischen Rahmen und macht anfangs neugierig, wie es zum jährlichen „Fest des Wales“ gekommen ist. Geschrieben ist der Roman in einer angenehmen, gut lesbaren Sprache. Insgesamt wirkt er absolut fiktiv, leicht philosophisch und sehr gut recherchiert.

Die Figuren kommen alle gleichermaßen schrullig und liebenswürdig rüber. Immerhin ist keine von ihnen nur gut oder nur böse. Allerdings sind es zu viele Charaktere, was beim Lesen verwirrt. Die Auflistung aller Figuren mit ihren Berufen habe ich leider erst am Ende des Buches entdeckt. Ebenso die Recherche-Hinweise. Letztere gehen mir auch Tage später immer wieder durch den Kopf und geben dem Buch rückwirkend eine Fridays-For-Future-Dramatik, die gerne übersehen wird.

Denn das Miteinander der Menschen in dieser Geschichte wirkt sehr wohltuend und angesichts des thematisierten „Endes der Welt“ erstmal tröstlich. So kommt sie daher als angenehme Corona-Lektüre, denn – soviel will ich verraten – auch sie ist geprägt von einer Pandemie. Das in 2015 erstmals veröffentlichte Buch, im orangefarbenen Cover mit Wal, nimmt nicht die Angst vor der Seuche. Aber es zeigt, dass dies alles nicht das „Ende der Welt“ bedeuten muss …

Handgepäck für Schreibreisende

REZENSION. Entdeckt und sofort genutzt, den Reiseführer speziell für Schreiberlinge und Lesegenießer.

Buchcover Kreativ unterwegs

„Kreativ unterwegs“ heißt das 92-seitige Taschenbuch, das es auch als eBook gibt. Verteilt auf zwanzig Kapitel präsentiert Autorin und Schreibdozentin Isa Schikorsky zwanzig „Schöne Orte zum Schreiben und Literaturerleben“.

Literarische Besonderheiten der nicht alltäglichen Urlaubsorte sowie passende Schreibanregungen und Lese-Tipps erwecken den Wunsch, sofort dorthin aufzubrechen. Wie praktisch, im gleichen Kapitel zu lesen, wie man hinkommt und wo man vor Ort gut übernachten kann.

„Lernen Sie interessante Schreiborte in Deutschland kennen. (…) Was Sie brauchen, finden Sie in diesem Buch“, verspricht Isa Schikorsky in ihrem Vorwort. Ob es das Versprechen hält? Als langjährige Anbieterin von Stilistico-Schreibreisen konnte die Autorin aus einem reichen Erfahrungsschatz schöpfen. Klar strukturiert und informativ wirkt das Buch schon auf den ersten Blick. Einer der vorgestellten Orte ist Dresden, wo ich neulich mit diesem Reiseführer kreativ unterwegs war. Zur Inspiration schickte er mich in Dresdens Neustadt auf Erich Kästners Spuren. Dort könne ich herausfinden, „was einen erfolgreichen Kinderbuchautor auszeichnet.“

Um Kästners „Geheimrezept für den Erfolg“ auszuprobieren, bietet das Kreativ-Buch zwei Schreibanregungen. Diese und alle anderen Schreibimpulse kann man gut auch woanders nutzen. Meine Texte dazu entstanden im Kellergewölbe der Frauenkirche. Besonders inspiriert und fasziniert haben mich Kästners Kindheitserinnerungen „Als ich ein kleiner Junge war“und das Erich-Kästner-Museum in der alten Villa seines Onkels – beides Tipps aus Isa Schikorskys Reiseführer. Ohne den hätte ich in der wiederaufgebauten Kulturstätte Essenzielles verpasst.

Fazit:
Empfehlenswert für alle, die gern schreiben und sich für Literatur interessieren.