Mia und Jürgen

Bild von falco auf Pixabay

Pünktlich zu Weihnachten meine nicht neue, so ähnlich vielleicht aber hochaktuelle Weihnachtsgeschichte. Fragt euch gern beim Lesen, wie Corona und Lockdown diese Geschichte verändern könnten: 

KURZGESCHICHTE. Mein Name ist Jürgen. Ich bin Alkoholiker, trocken seit Weihnachten letzten Jahres. Tot saufen wollte ich mich. Warum auch nicht? Alles hatte ich verloren: meinen Job, meine Frau, meine Träume, meinen Stolz. Es kam anders. Diese junge Dame brachte mir Hoffnung im Untergang. Ihre Geschichte. Bitte, Mia … 

Hallo, was soll ich sagen? Ich heiße Mia. Weihnachten hasse ich! Das sind die verlogensten Tage des Jahres. Tage, an denen man alles falsch macht. An denen das Schlimmste geschieht. Wie in meiner Familie, jedes Jahr! 

Inzwischen lasse ich mich von denen nicht mehr drangsalieren. Letztes Jahr im Sommer bin ich ausgezogen. Meinen Eltern schien es egal zu sein. Sie waren mit ihren eigenen Problemen beschäftigt. Das sind sie heute noch. 

Weihnachten wollte ich mit meiner großen Liebe feiern. Seit einem Viertel- jahr wohnten wir zusammen. Peer war acht Jahre älter als ich, studierte BWL und verdiente sein Geld mit Nebenjobs. Er sah wahnsinnig gut aus, war wahnsinnig charmant und wahnsinnig eifersüchtig. Für Letzteres gab es keinen Grund. Ich liebte ihn. 

Nach einer Party, Anfang Dezember, hätte er seinen besten Freund fast erwürgt. Angeblich hatte Kevin mir schöne Augen gemacht. 

Später, an Heiligabend wollte Peer mich verprügeln. Ich war sauer über das Chaos in der Küche. Als ich mich beschwerte, sah er rot. Er brüllte mich an und trat nach mir. Ich flüchtete, bevor er richtig loslegen konnte. Stundenlang irrte ich durch die Kölner City und beobachtete Passanten bei ihren Last-Minute-Einkäufen. Bei jedem Einzelnen überlegte ich, ob es ihm besser ging als mir, ob ihn daheim Frieden erwartete. 

Als die Läden schlossen, spazierte ich zum Rhein. Ich fror, trotz meiner roten Daunenjacke. Es regnete. Endlich fand ich ein geschütztes Plätzchen unter der Südbrücke.

Im Sitzen fühlte ich meine müden Knochen. Rückenschmerzen, die mir bis in 

die Beine zogen. War ich zu lange durch die Stadt gelaufen? Die Schmerzen kamen in Wellen. Ich fühlte mich krank, sehnte mich nach meinem Bett und einer WCrmf lasche. 

Mit Widerwillen dachte ich daran, nach Hause zu gehen. Da näherte sich ein Penner. Er sah aus, als hätte er sich gerade aus dem Rhein gerettet. Der Mann blieb stehen und starrte mich an. Kurz überlegte ich, ob ich flüchten sollte, doch er sah nicht bedrohlich aus. Er war kleiner, schmächtiger und älter als ich. Viel älter. 

Als ich ihm zunickte, lächelte er und reichte mir die Hand. Ein Penner mit Manieren, dachte ich. Mit Manieren und einem genauso freundlichen wie vor- sichtigen Blick. Er stellte sich als ‚Jürgen der Verlierer‘ vor. 

„Was macht so ’n junges Mädchen zur besten Bescherungszeit hier draußen?“, fragte er mit einer Stimme wie Joe Cocker. 

„Wo sollte ich sonst hin?“
Ich wollte nicht darüber reden. Oder doch? 

Dieser Mensch wäre die Chance, mich auszuheulen. Ein offenes Ohr, in das ich mein ganzes Elend schütten konnte. 

„Ich hasse Weihnachten!“ 

Der fragende Blick in seinen geröteten, kleinen Augen löste den Knoten in meiner Brust. Ich überschüttete ihn mit meinen Sorgen und Fragen. 

Warum streitet sich jeder an Weihnachten und pocht zugleich auf Frieden? Warum kaufen die Leute sich gegenseitig Geschenke, statt Liebe zu schenken? 

Warum? Warum? Warum? 

Anstelle von Antworten erntete ich ein Nicken. JÑrgen griff hinter den Brückenpfeiler – und hatte eine Flasche Rotwein in der Hand. 

„Wir versteh’n uns. Lass uns zusammen trinken!“ 

Rotwein, igitt! Doch ich wollte nett sein, nahm einen Schluck aus der Pulle und würgte ihn herunterIm Geiste gratulierte ich mir für diese Meisterleistung. Plötzlich ein Ziehen im Unterleib. Aus dem Ziehen wurde Schmerz. Als ob jemand mir die Beine aus den Hüftgelenken reißen wollte.
Jürgen beobachtete mich, die Augen weit aufgerissen. Alle Röte verschwand aus seinem Trinkergesicht. Er griff nach meinem Arm, ließ ihn wieder los, sprang auf, hockte sich neben mich. 

 „Hast ’n Handy? Soll ich ’nen Notarzt rufen?“
Der Schmerz ließ nach, so schnell wie er gekommen war.
„Ich habe kein Handy und ich brauche keinen Arzt.“
Kurz fragte ich mich, ob nicht Jürgen selbst einen Notarzt gebrauchen könnte.
Ich glühte und zog mir die Jacke aus.
Jürgen starrte auf meinen Bauch.
Ich fühlte mich ertappt.
Schon immer hatte ich eine Schwäche für Süßes. In den letzten Monaten war mein Heißhunger besonders groß gewesen. Alle Jeans waren mir zu eng geworden. 

„Sach mal, Mädchen, biste schwanger?“ 

Bevor ich antworten konnte, durchströmte mich eine weitere Schmerzwelle. Mein Körper übernahm die Regie. Ich musste aufstehen, mich an Jürgens Schulter abstützen, mich im Stehen krümmen, obwohl ich das nicht wollte. 

„Das sind jetzt keine Wehen, oder?“, hörte ich Jürgens Stimme.
Ich konnte nicht antworten.
Bis der Schmerz wieder verschwand.
Erschöpft setzte ich mich. Jürgens Augenbrauen bildeten Fragezeichen. Was sollte ich ihm erzählen? 

Dass ich nicht schwanger sein konnte, weil ich das nicht wollte? Dass ich zu jung war für ein Baby? Dass Peer kein guter Vater wäre? 

Jürgen würde es nicht verstehen, oder? 

„Ich … ich habe es … verdrängt! Jetzt … oh, nein … jetzt rächt es sich … oh, und wie …!“, erklärte ich ihm. Eine weitere Wehe durchwehte meinen Körper. 

„In der Nähe gibt’s ’nen ärztlichen Notdienst. Komm mit, Mädchen! Lass dir helfen, dem Kind zuliebe!“ 

Auf Jürgens Stirn bildeten sich Schweißperlen, trotz der Kälte. Er packte meinen Arm, versuchte mich mitzuziehen. 

Ich riss mich los, fauchte ihn an: „Lass mich! Ich darf jetzt kein Kind kriegen, mein Leben ist schon schlimm genug. Diese Hölle will ich niemandem antun, erst recht nicht einem Baby!“ 

„KOMM ENDLICH! Für Zweifel ist es zu spät!“, brüllte er mich an. „In der Kälte habt Ihr beide keine Chance!“ 

Ich zuckte zusammen, duckte mich. So würde es weniger weh tun, wenn er zuschlug.
„Nein!“, schrie ich, bestand nur noch aus Schmerz.
Mein Becken war kurz davor, auseinander zu brechen.
Die Wehe ließ wieder nach.
Jürgen hatte nicht zugeschlagen. Laut schluchzend kauerte er vor mir auf dem Boden, das Gesicht in seiner Jacke vergraben. Er zitterte am ganzen Körper. „Wenn du wüsstest, wie sehr Monika und ich uns ’n Kind gewünscht haben! Alles hätten wir getan, um ’n Kind großziehen zu dürfen. Es war uns nicht gegönnt. Unsre Ehe ist dran zerbrochen. Alles dran zerbrochen. Nun soll ich ansehen, wie du auf Hilfe verzichtest? Niemals!“
Jürgen sprang auf, rannte in den Regen und rief – nein brüllte – um Hilfe. Ich wollte ihn aufhalten, schaffte es aber nicht. Bei meinem Versuch, aufzustehen, sackten mir die Beine weg. 

Im Krankenhaus kam ich zu mir. Jürgen hielt meine Hand, drückte sie ganz fest. Mit der anderen Hand streichelte er das Baby auf meinem Bauch. Mein Baby! 

„Einen Jungen hast du geboren. Alles dran, kerngesund“, flüsterte er.
„Darf ich ihn Jürgen nennen?“
„Nur, wenn ich Euch unterstützen darf. Dank Euch hat mein Leben wieder einen Sinn.“ 

Heute ist Jürgen weder Penner noch Trinker. Für mich ist er ein Vater, wie ich ihn mir immer gewünscht habe, für meinen Sohn der Beste aller Großväter. 

Dein Name ist Jürgen. Du bist Alkoholiker, trocken seit Weihnachten letzten Jahres. Ich danke dir dafür!

Zum Abschluss frage ich nochmal in die Runde: Was wäre anders, wenn die Geschichte zu Corona- und Lockdown-Zeiten spielen würde? Wer macht mit bei diesem Gedankenspiel?

Veröffentlicht von

Jannechie Groz

Nennt mich gerne Jo, meine Pseudonyme wechseln von Genre zu Genre. Schreiben ist neben Lesen meine Leidenschaft, die im Teenager-Alter mit Tagebuch begann, meine miserablen Deutschnoten und damit einhergehende Selbstzweifel kaum überlebte und während eines Zeitungspraktikums wiederbelebt wurde. In diversen Schreibwerkstätten lernte ich das Handwerkszeug. Seitdem habe ich viel geschrieben und einiges veröffentlicht. Je nach Laune und Erfordernis schreibe ich fiktiv, journalistisch, lyrisch oder belletristisch - egal was, es macht mir einen Riesenspaß.

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