Der Wal und das Ende der Welt

REZENSION. Richtig gute Bücher lese ich Langsam-Leserin viel zu schnell. So auch dieses 544 Seiten starke Buch, für das ich leider nur wenige Tage gebraucht habe. Tatsächlich habe ich es mir wegen des Wals auf dem Buchcover und im Titel gekauft. Dabei spielt der Wal in dem Roman nur eine – allerdings wichtige – Nebenrolle. Vom „Fest des Wales“ im abgelegenen St. Piran im Cornwall berichtet der Autor John Ironmonger schon im Prolog. Mit dem Wal, der ebendort in Küstennähe gesichtet wird und später strandet, beginnt auch die Geschichte. Ebenso mit einem an Strand gespülten bewusstlosen, nackten Mann. Zusammenhänge lassen sich erahnen. Später zeigt uns der Autor, dass alles miteinander zusammenhängt.

Der nackte Mann namens Joe Haack wird von den Dorfbewohnern gerettet und versorgt. Joe rettet mit Hilfe der gemeinsam anpackenden Dorfbewohner den gestrandeten Wal. Die Idylle im Dorf ist bedroht vom Weltgeschehen. Nur Joe weiß davon. Als Analyst hat er in London ein Computermodell entwickelt, das die Zusammenhänge komplexer Systeme wie der Wirtschaft erkennt. Ein Modellfehler hat seinem Arbeitgeber so viel Geld gekostet, dass Joe ins Meer geflohen ist. Die vom Programm prophezeiten Zusammenhänge reichen allerdings bis nach St. Piran. Joe will die Menschen im Dorf vor der Gefahr beschützen und fühlt sich dabei zunächst belächelt. Am Ende ist er der Held, der sie alle vor dem Untergang rettet. Bereits im Prolog werden seine späteren Heldentaten gefeiert. Für mich macht das die Geschichte nicht weniger spannend. Zudem bildet der Hinweis einen schönen erzählerischen Rahmen und macht anfangs neugierig, wie es zum jährlichen „Fest des Wales“ gekommen ist. Geschrieben ist der Roman in einer angenehmen, gut lesbaren Sprache. Insgesamt wirkt er absolut fiktiv, leicht philosophisch und sehr gut recherchiert.

Die Figuren kommen alle gleichermaßen schrullig und liebenswürdig rüber. Immerhin ist keine von ihnen nur gut oder nur böse. Allerdings sind es zu viele Charaktere, was beim Lesen verwirrt. Die Auflistung aller Figuren mit ihren Berufen habe ich leider erst am Ende des Buches entdeckt. Ebenso die Recherche-Hinweise. Letztere gehen mir auch Tage später immer wieder durch den Kopf und geben dem Buch rückwirkend eine Fridays-For-Future-Dramatik, die gerne übersehen wird.

Denn das Miteinander der Menschen in dieser Geschichte wirkt sehr wohltuend und angesichts des thematisierten „Endes der Welt“ erstmal tröstlich. So kommt sie daher als angenehme Corona-Lektüre, denn – soviel will ich verraten – auch sie ist geprägt von einer Pandemie. Das in 2015 erstmals veröffentlichte Buch, im orangefarbenen Cover mit Wal, nimmt nicht die Angst vor der Seuche. Aber es zeigt, dass dies alles nicht das „Ende der Welt“ bedeuten muss …

Veröffentlicht von

Jannechie Groz

Nennt mich gerne Jo, meine Pseudonyme wechseln von Genre zu Genre. Schreiben ist neben Lesen meine Leidenschaft, die im Teenager-Alter mit Tagebuch begann, meine miserablen Deutschnoten und damit einhergehende Selbstzweifel kaum überlebte und während eines Zeitungspraktikums wiederbelebt wurde. In diversen Schreibwerkstätten lernte ich das Handwerkszeug. Seitdem habe ich viel geschrieben und einiges veröffentlicht. Je nach Laune und Erfordernis schreibe ich fiktiv, journalistisch, lyrisch oder belletristisch - egal was, es macht mir einen Riesenspaß.

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