Schreiben zwischen Traum und Albtraum

BESTSELLERKOLUMNE. Spannend und geheimnisvoll soll mein Bestseller sein, ein echter Page-Turner, den ich erst aus der Hand lege, wenn ich ihn ausgelesen habe.

Danach warte ich auf, nein schreibe ich direkt selbst meinen nächsten Bestseller. Um das zu schaffen soll das Page-Turnen bitte schon beim Schreiben einsetzen, sonst werde ich wohl nie über die ersten dreißig Seiten hinauskommen.

Beim Lesen und beim Schreiben soll mein eigener Bestseller mich zum Denken anregen. Er soll mir einen Spiegel vorhalten und existenzielle Fragen aufwerfen, die mich im Alltag nicht loslassen. Erkenntnisse will ich daraus gewinnen, mich persönlich weiterentwickeln und natürlich auch meine Schreibfertigkeit verbessern.

Schon während des Entstehens soll der Bestseller zu meinem Lieblingsbuch avancieren. Nicht nur, weil er mich bald reich macht, sondern weil sein Inhalt mich berührt, weil die geschaffene Welt und die Figuren darin mich faszinieren, weil ich nicht genug von davon kriegen kann, das Buch immer wieder lesen muss, bis ich es in- und auswendig kenne.

Zu dumm, dass ich den Inhalt schon daher beten kann, bevor die erste Zeile auf Papier steht. Auch über die Figuren weiß ich mehr, als alle Leser zusammen jemals erfahren werden. Noch vor dem Druck kommen die tollen Erkenntnisse mir abgenutzt vor. Auch die Geheimnisse in dem Buch wirken in meinen Augen alles andere als geheimnisvoll. Schließlich wusste ich das alles schon beim Plotten.

Nun drängt der Verlag und langweilt mich mein Bestseller. Dreißig Seiten habe ich geschrieben, dreihundert sollen es werden. Die Langeweile nimmt zu, die Seitenzahl nicht. Jede einzelne Seite will ich auf Eis legen, ob mich das befreit? Den Verlag könnte ich vertrösten: Hier ein Interview, dort ein schickes Foto, ein paar Skandälchen gleich dazu. Spannend und geheimnisvoll werde ich sein, wie mein Bestseller.

Veröffentlicht von

Jannechie Groz

Nennt mich gerne Jo, meine Pseudonyme wechseln von Genre zu Genre. Schreiben ist neben Lesen meine Leidenschaft, die im Teenager-Alter mit Tagebuch begann, meine miserablen Deutschnoten und damit einhergehende Selbstzweifel kaum überlebte und während eines Zeitungspraktikums wiederbelebt wurde. In diversen Schreibwerkstätten lernte ich das Handwerkszeug. Seitdem habe ich viel geschrieben und einiges veröffentlicht. Je nach Laune und Erfordernis schreibe ich fiktiv, journalistisch, lyrisch oder belletristisch - egal was, es macht mir einen Riesenspaß.

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